Wer heute über die Berliner Museumsinsel geht, begegnet Richard Schöne (1840–1922) auf Schritt und Tritt – auch wenn sein Name längst hinter den von ihm geprägten Institutionen zurückgetreten ist. Den Grundstein seiner steilen Karriere legte Schöne mit einem Studium der Klassischen Philologie, Geschichte, Philosophie und Archäologie in Leipzig. Seinen lang gehegten Traum, selbst Künstler zu werden, hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits aufgegeben. Obwohl er dem Landschaftsmaler Friedrich Preller d. Ä. nacheiferte und sich leidenschaftlich für die Malerei der Nazarener begeisterte, war in dem ambitionierten Mann die Einsicht gereift, dass seine Begabung weniger im künstlerischen Schaffen, sondern mehr in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur lag. Das tat er in Italien, wo sich Schöne mit viel beachteten Inschriftenstudien und wissenschaftlichen Veröffentlichungen – unter anderem im Auftrag Theodor Mommsens – einen hervorragenden Ruf als Altertumsforscher erwarb. Nach Rückkehr und Habilitation 1868 in Berlin lehrte Richard Schöne zunächst an der Universität Halle, bevor er als Kunstreferent mit weitreichenden Befugnissen in das preußische Kultusministerium berufen wurde. Mit großem Erfolg koordinierte er Ankäufe und den Ausbau der staatlichen Sammlungen, betreute die Kunstakademien und die Denkmalpflege, initiierte, organisierte und finanzierte von Berlin aus Ausgrabungen in Griechenland, der Türkei, Syrien und Ägypten. Seine Ernennung zum Generaldirektor der Königlichen Museen durch Kaiser Wilhelm I. im Jahr 1880 war daher nur folgerichtig. Während seiner Amtszeit wurden die Berliner Museen entscheidend erweitert und neu ausgerichtet. Unter seiner Leitung entstand das Museum für Völkerkunde; zugleich trieb er die Planungen für das Kaiser-Friedrich-Museum (heute Bode-Museum) sowie für das neue Antikenmuseum, den Vorgängerbau des heutigen Pergamonmuseums, maßgeblich voran. Anhaltende Konflikte mit dem Direktor der Gemäldegalerie, Wilhelm von Bode, und schließlich auch mit Kaiser Wilhelm II. führten 1905 zu seinem Ausscheiden aus dem Amt. Hatte bis dahin die Verwaltung den größten Teil seiner Arbeitskraft beansprucht, konnte sich Schöne im Ruhestand wieder der Philologie widmen.
Mit Sachverstand
Richard Schöne | Selbstporträt | Bleistiftzeichnung | 1864
05.08.2026